Lettland

Die Ökonomie Lettlands - Viel Licht und ein wenig Schatten

Um es populärwissenschaftlich auszudrücken: Die lettische Wirtschaft brummt. Seit 2000 liegt das Bruttoinlandsprodukt der baltischen Republik stets jenseits der 6%-Marke. 2005 erreichte man mit knapp über 10% den höchsten Zuwachs aller EU-Staaten, 2006 waren es gar 12 %. Imposante Zahlen also, von denen man sich bei den ökonomischen Schwergewichten im Herzen Europas schon lange verabschiedet hat.

 

Holzindustrie
Verschiffung von Papierholz im Rigaer Hafen, wahrscheinliches Ziel: Finnland. Die Holzindustrie spielt eine gewichtige Rolle in Lettland.

Als Ursprung und nachhaltiger Garant des imposanten Aufstiegs, der sich übrigens im gesamten Baltikum manifestiert hat, ist heute – ausgerechnet – das ineffiziente Produktionsgefüge der ehemaligen Sowjetunion anzusehen. Erst der wirtschaftliche Zusammenbruch des Systems hatte neuen Ideen den Raum bereitet und die Wachstumsmärkte des 21. Jahrhunderts entstehen lassen. Doch der Reihe nach…

 

Russland hatte seine Teilrepubliken nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch stets an der kurzen Leine gehalten. Mit Beginn der 50er Jahre galt es, ein auf vielen Teilabhängigkeiten basierendes Wirtschaftsgefüge zu etablieren. Zweck des Ganzen: Alleine konnte und durfte keine der vereinnahmten Regionen überleben – lange Zeit ein überaus wirkungsvoller Schutz gegen separatistische Bestrebungen.

 

So auch in Lettland, dessen ökonomische Bestimmung es fortan war, dem „großen Ganzen“ in erster Linie schwerindustriell zu dienen (Verarbeitung von Rohstoffen). Dazu bedurfte es vor allem „Humankapital“ (Marxsche Diktion), welches in Form von russischen Arbeitskräften massenhaft nach Lettland immigrierte. Gleichzeitig wurde penibel darauf geachtet, den bürokratischen Apparat dahinter linientreu zu besetzen. Es entstand eine nahezu lückenlose Abhängigkeit von Moskau.

 

Dann der Zusammenbruch des Sowjetsystems: Wie die meisten Teilrepubliken des Ostblocks fand sich zu Beginn der 90er Jahre auch Lettland als marodes Relikt eines „kommunistischen Langzeitexperiments“ wieder. Entsprechend schwierig gestaltete sich der Start in die nationale Souveränität. Die Frage lautete: Wie wirtschaften, wo es nichts zu wirtschaften gibt? Es mussten Lösungen her, die erstarrten Strukturen der planwirtschaftlichen Vergangenheit aufzubrechen. – Besser heute als morgen.

 

Weg vom Kollektiv, hin zur Privatisierung! – lautete in Lettland wie auch andernorts das Geheimrezept für die anstehende Phase der wirtschaftlichen Transformation. Nur so, darin herrschte Einigkeit, konnte es der jungen Republik gelingen, ihre missliche Lage zu überwinden und auf die ökonomische Überholspur zu gelangen. Legt man die aktuellen Zahlen zugrunde, scheint Lettland auf dem richtigen Weg.

 

Ein Blick zwischen die Zahlenkolonnen verrät jedoch, dass der Aufschwung in der Mitte des Baltikums keineswegs auf breiter Basis stattfindet. Allüberragend scheint in diesem Zusammenhang die Rolle der Hauptstadt Riga. Ausschließlich hier siedeln neue Firmen und Technologien an, fließen Geld und ökonomische Inspiration in Strömen. Die Jungen und Gebildeten kommen in Scharen, während weiten Teilen des Landes nur Agrarwirtschaft und ein wenig Tourismus bleiben.

 

Hinzu kommt, dass sich die alten (sowjetischen) Seilschaften dank Cliquenwirtschaft und eiskaltem Kalkül das wohl größte Stück des Kuchens sichern konnten. Nahezu ungebremst schafften sie es, Macht und Einkommen nach dem Neuanfang nochmals ordentlich zu steigern. Alles wie immer, möchte man sagen, und doch geht es in Lettland heute sicherlich vielen Menschen deutlich besser als wenige Jahre zuvor.

 

Spätestens seit dem EU-Beitritt Lettlands im Mai 2004 scheinen die größten Altlasten überwunden zu sein. Unter dem Strich wächst die Wirtschaft kräftig, auch und gerade wegen des stetig steigenden Außenhandels. Zu den Exportschlagen Made in Latvia gehören hauptsächlich Holz (25%), Nahrungsmittel (12%) sowie Basismetalle und mineralische Erzeugnisse (jeweils ca. 10%). Gefragte Importgüter sind Maschinen, elektrisches Equipment (20%), Transportmittel (11%) und Chemieprodukte (9%).

 

Perspektivisch setzt man in Lettland auf die Schaffung eines stabilen und zugleich nachhaltigen Wirtschaftswachstums, in dem auch sozialstaatliche Elemente eine feste Verankerung haben. Arbeitslosengeld, Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Rentengelder sind längst Teil des Systems. Die Politik – so scheint es – hat ihre Hausaufgaben erfüllt, auch wenn das Misstrauen vieler Letten in die freie Marktwirtschaft noch immer groß ist.

 

Wichtigster Handelspartner Lettlands ist im Übrigen die Bundesrepublik, aber auch zu Russland, Großbritannien, Finnland oder Schweden unterhält die Ostsee-Republik inzwischen beste wirtschaftliche Kontakte. Zudem besteht ein Freihandelsabkommen mit Estland und Litauen, den beiden anderen baltischen Staaten. – Allen Rivalitäten zum Trotz für viele Letten die verlässlichste Wirtschaftsachse des 21. Jahrhunderts.

 

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