Lettland

Musik in Lettland - Von höchstem Stellenwert

Erster elementarer Bestandteil der lettischen Musikgeschichte sind die so genannten Dainas. Es handelt sich hierbei um zumeist vierzeilige Liedtexte, deren Entstehung auf die Zeit der Christianisierung Lettlands durch den Deutschen Orden zurückreicht. Alles, was es in der Ostseeregion bis dato, man schrieb das 13. Jahrhundert, an vorchristlicher Kultur gegeben hatte, wurde fortan systematisch zurückgedrängt. Es drohte das Vergessen.

 

Oper Riga
Ein Schmuckstück: Die prächtige National-Oper in Riga um 1900.

Doch die unterworfenen Letten vermochten anhand ihrer Dainas neben einer Kultur des Singens eben auch eine Kultur des Bewahrens zu erwecken. Die kleinen Werke wurden nun von Generation zu Generation weitergegeben und sukzessive erweitert, sodass – verteilt über das Land – unzählige solcher Liedtexte kursierten.

 

Johann Gottfried Herder (1744-1803) machte es sich ab 1765 zur Aufgabe, alle ihm zugänglichen Dainas zu sammeln und zu archivieren. Er war Gelehrter an der Rigaer Domschule und schuf für Lettland durch sein Engagement einen wesentlichen kulturellen Grundstein. Schriftlich festgehalten konnte nichts mehr verloren gehen, der eigenständigen lettischen Musik war binnen kürzester Zeit ein Weg bereitet.

 

In der Folgezeit entstanden und etablierten sich die ersten Sängerfeste. Auch gehört das mündliche Vortragen oder Singen der schriftlich festgehaltenen Liedtexte bis heute in jede lettische Schulbiografie. Private Darbietungen in kleiner Runde gehören ebenfalls zum gewohnten Bild – eine andernorts eher dem Aussterben geweihte Variante des familiären oder freundschaftlichen Beisammenseins.

 

Heute reicht das musikalische Interessensspektrum der Letten freilich weit über die Dainas hinaus. Das Land besitzt eine außerordentlich hohe Affinität zur Klassik, seine Interpreten und Spielhäuser (der Rigaer Dom, die Philharmonie) setzen auch international Maßstäbe. Zentraler Ort des Geschehens ist zweifelsfrei Riga, wo sich die Stile und Richtungen im Laufe der Zeit auf hohem Niveau gebündelt haben.

 

Sogar Richard Wagner (1813-1883) verdankt Teile seines Weltruhmes der lettischen Hauptstadt. Als junger Musiker leitete er ab 1837 zwei Jahre lang das Ensemble des Rigaer Stadttheaters, um gleichzeitig an seinen großen Werken Rienzi und Faust zu feilen. Es war eine Phase, in der man sich vor allem in Riga mehr und mehr am westeuropäischen Musikstil orientierte. Stars der Szene wie Franz Liszt oder Klara  Schumann gastierten nun regelmäßig in der Handelsstadt. Rigas Status als baltische Musik- und Kulturmetropole begann sich zu verfestigen.

 

Entsprechend ausdifferenziert präsentiert sich das Musikspektrum der Hauptstadt in der Gegenwart. Fans klassischer Musik kommen ebenso auf ihren Geschmack wie Partygänger und Discotänzer, die sich in den zahlreichen Clubs der Stadt ordentlich beschallen lassen können. Jazz und Blues haben ebenfalls einen festen Platz. Hier ist es letztlich kaum ein Problem, fündig zu werden.

 

Anders die Situation der lettischen Landbevölkerung. Sie zeigt sich gegen moderne Strömungen bis heute nahezu gefeit, hegt und pflegt in erster Line die eigene, aus der stolzen Tradition der Dainas hervorgegangene Volksmusik. Zwar kommt diese, bedingt durch die jahrzehntelange Besatzung durch das Sowjetregime (40er bis 90er Jahre), nicht ohne politischen Unterton aus. Expressive, kraftvolle Darbietungen sind dennoch eher die Ausnahme. Geschmackssache eben.

 

Klar ist jedenfalls, dass Musik in Lettland traditionell weit mehr als nur unterhaltenden Charakter hat. Sie gilt als ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität und ist in Form von Sängerfesten, Konzerten und privatem Musizieren landesweit präsent.

 

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