Lettland

Lettische Literatur - Weg mit Hindernissen

Lettische Literatur fand Jahrhunderte lang lediglich in mündlicher Überlieferung statt. Derart blieb mittelalterliches Text- und Liedgut (Dainas, Märchen) bis in die Neuzeit erhalten, als es mit dem allmählichen Verschwinden des Analphabetismus zu ersten umfassenden Fixierungen kam. Grundstein dieser Entwicklung war auch in Lettland die erste Bibelübersetzung in die Landessprache (1689) durch Johann Ernst Glück (1653-1705), einen Pfarrer deutscher Abstammung mit Wohnsitz in Marienburg.

 

Bedeutend war sein Werk vor allem deshalb, weil lettische Schrift – gleichbedeutend mit Literatur – bis ins 19. Jahrhundert hinein verboten war. Lettland befand sich seit Beginn des 13. Jahrhunderts stets in fremder Hand, sodass die Verbreitung einer eigenständigen, zentralbaltischen Schreibkultur für regionale Machthaber allenfalls Ärger nach sich gezogen hätte. Die Letten wurden sprichwörtlich für dumm verkauft.

 

Mit der Phase des nationalen Erwachens machte sich die lange Zeit unterdrückte Auflehnung gegen Unfreiheit und Fremdbestimmung auch in schriftlicher Form Luft. Vorreiter dieser Entwicklung waren Juris Alunāns (1832-1864) mit einer Reihe von Übersetzungen ausländischer Poesie und Lyrik sowie die im estnischen Tartu (ehem. Dorpat) ansässige Universität Academia Gustaviana. Hier entstand 1856 unter dem Namen Mājas Viesis die erste Zeitung in lettischer Sprache.

 

Nachdem der Grundstein gelegt war, konnten sich auch in Lettland rasch Dichter und Literaten aller Richtungen einen Namen machen. Hervorzuheben ist sicherlich der philosophische Neuromantiker Jãnis Rainis (1865-1929), bekennender und wohl bekanntester lettischer Freiheitskämpfer seiner Zeit – zugleich jedoch nur bedingt auf lettischem Boden tätig.

 

Der Grund: Die Herausgabe der linksliberalen Zeitung Dienas Lapa brachte ihm 1897 eine mehrjährige Verbannung ein. „Nun erst recht!“, wird er sich gedacht haben und ließ seinem Freiheitsdrang erst im Schweizer Exil gänzlich ungebremsten Lauf. Hier entstanden mit seinen Werken Feuer & Nacht (1908) sowie Joseph und seine Brüder (1912) Meilensteine der lettischen Befreiungsliteratur. Bereits wenige Jahre später sollte sein Denken mit der 1. Lettischen Unabhängigkeit (November 1918) politische Bestätigung finden.

 

Weitere bedeutende Namen dieser Frühphase lettischer Literatur sind der Realist Rūdolfs Blaumanis (1863-1908), Märchenautor Kārlis Skalbe (1879-1945) und Elza Rozenberg (1868-1943), engagierte Feministin und Ehefrau des zuletzt genannten Jãnis Rainis.

 

Während des 2. Weltkriegs und zu Beginn der Okkupation durch das Sowjetregime (1940er bis 1990er Jahre) schien sich das Blatt zunächst erneut zu wenden. Viele autark denkende Schriftsteller gingen ins Exil und mussten – vor allem bis zur Ära Nikita Chruschtschows (ab 1953) – linientreuen Schriftstellern wie Augusts Upītis, Vizma Lāas oder Janis Sudrabkalns das Feld überlassen.

 

Gleichzeitig erreichte die von oben vorgegebene Zensur groteske Ausmaße. Lyrik beispielsweise durfte sich nur zu einem gewissen Anteil (ca. 25% der Textlänge) auf Naturthemen beziehen (Überschreitung = ideologischer Fehler). Analog dazu war es Poeten lediglich dann erlaubt, die Namen Stalin und Lenin in ihre Verse zu reimen, wenn dies in einem strikt vorgegebenen, positiven Kontext geschah. Verfehlte man die Zielvorgaben, drohte bestenfalls die Nichtpublikation.

 

Doch auch später blieb lettische Literatur ein schwieriges Feld und fand erst mit der 2. Unabhängigkeit des Landes (August 1991) eine fällige und (hoffentlich) endgültige Befreiung. Seither ist die kritische Auseinandersetzung mit den Werken zahlreicher Exilautoren in vollem Gange. Aber auch frische, inhaltlich dem gesellschaftlichen und politischen Zeitgeist verpflichtete Namen machen die Runde: Zu nennen sind Jãnis Einfelds (Jahrgang 1967) oder Gundega Repše (Jahrgang 1960).

 

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