Lettland

Kunst in Lettland - Anfangs eine Sache des Geldes

Wohlstand und Kunst gingen im Lettland des 19. Jahrhunderts Hand in Hand. Denn nur wer Geld hatte, konnte sich eine Ausbildung in den führenden Akademien des Kontinents leisten, ging nach St. Petersburg, Paris oder Berlin. Auch im Baltikum betraf dies freilich einen Bruchteil der Bevölkerung, aber in den urbanen Zentren des Handels und der Bildung – so auch in Riga – befand sich das Bürgertum stetig auf dem Vormarsch.

 

Künstler der ersten Stunde waren Janis Rozentals (1866-1916), Janis Valters (1868-1932) oder Vilhelms Purvitis (1872-1945), die in ihren Werken romantisierende, teils idealisierende Abbildungen von Natur und Landleben schufen – stets inspiriert von den Größen ihrer Epoche. Dem Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts entsprechend spielten dabei auch freiheitlich-patriotisch anmutende Inhalte eine tragende Rolle.

 

Anders die traditionelle baltische Kunst der vorangegangenen Jahrhunderte. Funde lassen darauf schließen, dass künstlerisches Denken in der Region schon seit der Bronzezeit (3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) verwurzelt ist und sich bis zur Blütezeit des Römischen Reiches stetig ausdifferenziert hat. Zu Schmuck und kleinen Skulpturen verarbeiteter Bernstein war einer der ersten baltischen Exportgüter jener Zeit, in der sich zudem die traditionelle Vorliebe zur Ornamentik/Symbolik manifestierte.

 

Diese überwog in Lettland im Grunde bis ins späte 19. Jahrhundert (s. o.) und ist auch heute noch ein „gern gesehener“ Bestandteil zeitgenössischer Kunst. In festen Formen und Geometrien angeordnete Darstellungen aus der Tier- und Pflanzenwelt sind wesentliche Bestandteile einer Stilrichtung, die nicht selten als folkloristisch abgetan wird. Doch wie so vieles in der lettischen Kulturlandschaft wird auch die Ornamentik erst durch Kenntnis der baltischen (Leidens-)Historie nachvollziehbar.

 

In Lettland selbst stieß eine Erweiterung bzw. Öffnung künstlerischer Sichtweisen erst mit der 1920 in Riga gegründeten Kunstakademie auf fruchtbaren Boden. Doch auch jetzt flossen moderne, andernorts als Instrument strikter Auflehnung gegen den Staub des Traditionalismus verwendete Stile wie Expressionismus und Kubismus eher harmonisch ein. In Lettland sollte die Kunst ihre Kraft als Mittel gesellschaftlich-politischen Opponierens erst Jahrzehnte später vollends entfalten.

 

Zunächst jedoch änderten sich die Vorzeichen gewaltig. Im Anschluss an die viel zu kurze 1. Unabhängigkeit des Landes (1918-1940) brachen zunächst der 2. Weltkrieg und anschließend die Vereinnahmung durch das Sowjetregime über Lettland herein. Schriftsteller und Künstler verließen das Land in Scharen. Wer blieb, hatte sich dem Diktat der Machthaber unterzuordnen. Entsprechend eindimensional und linientreu präsentierten sich die Werke der folgenden Jahre.

 

Erste Aufweichungstendenzen offenbarten sich erst wieder in der Ära nach Stalin, insbesondere jedoch mit dem Aufkommen postmoderner Interpretationsformen (70er Jahre). Kunst geriet nun zusehend in antisowjetisches Fahrwasser, Plattform eines neuerlichen Freiheitskampfes. Ein Schlüsselmoment dieser Bewegung spielte sich 1984 in der Rigaer Petrikirche ab, wo eine Gruppe unterschiedlicher Kunst-Aktivisten unter dem Titel "Natur, Umwelt, Mensch" für mehr Individualismus, Naturschutz und Freiheit demonstrierten.

 

Seit der 2. Unabhängigkeit (1991) können sich interessierte Besucher in zahlreichen Ateliers und Ausstellungen, die über den gesamten Stadtkern Rigas verstreut liegen, ein detailliertes Bild von der lettischen Kunstlandschaft machen. Ausgestellt werden sämtliche Stilrichtungen, die in der Vergangenheit für die Entstehung der Szene von Belang waren. Hinzu kommt, dass gerade junge lettische Künstler, dem Kapitalismus  inhaltlich mehr und mehr abgewandt, Anschluss an die internationale Spitze suchen.

 

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