Lettland

Die lettische Kultur - Zu Literatur, Kunst, Musik und Religion

In Lettland orientieren sich beträchtliche Teile der klassischen und zeitgenössischen Kulturlandschaft an bedeutenden geschichtlichen Einschnitten, von denen es im Baltikum bekanntermaßen reichlich gab. Ausgehend vom 13. Jahrhundert war das Land über das gesamte auslaufende Mittelalter und weite Teile der Neuzeit hinweg fremdbestimmt. Die kollektive Suche nach typisch lettischer Lebensart und nationaler Identität fand hierdurch lediglich begrenzten Raum, spielte sich im Untergrund ab.

 

Alles andere war strikt verboten und hätte zwangsläufig härteste Strafen durch die jeweilige Obrigkeit nach sich gezogen. Zur Blütezeit der Deutschen Ordensherrschaft beispielsweise fand „Öffentlichkeit“ noch nicht einmal in Ansätzen statt; zumal dem einfachen lettischen Bauernvolk jeglicher intellektueller Zugang zu Wort und Schrift systematisch vorenthalten wurde. Im Verborgenen mussten sich demnach andere Mittel und Wege finden, einer eigenen – keineswegs fremdbestimmten – Identität auf die Sprünge zu helfen.

 

Fündig wurden die Letten nicht zuletzt auch in der Symbolik bzw. Ornamentik. Über spezielle Muster auf Kleidungsstücken, an Fahnen, Tüchern oder im Zusammenhang mit weiteren Elementen des alltäglichen Gebrauchs vermochte sich das geknechtete Volk in heiklen Fragen auszutauschen, ohne dass die Obrigkeit es mitbekam. „Code“ wäre heute wohl die treffende Bezeichnung dafür.

 

Generationenübergreifend spielten dagegen mündliche Überlieferungen die tragende Rolle. Beliebt waren in erster Linie die so genannten Dainas, d. h. kurze, in der Regel vierzeilige Liedtexte, durch die religiöse, politische etc. oder auch ganz persönliche Anliegen kommuniziert und tradiert wurden. Im Laufe der Zeit entstanden in Lettland Millionen solcher kleiner Werke, die Mitte des 18. Jahrhunderts – zumindest in Teilen – gesammelt und erstmals katalogisiert wurden.

 

Somit wird deutlich, dass erst der Blick auf die Historie und die damit verbundenen Lebensumstände der Letten das Verstehen der heutigen, sehr speziellen Kultur des baltischen Landes möglich macht. Wo Begriffe wie Freiheit oder Selbstbestimmung über Jahrhunderte hinweg lediglich als Utopie wahrgenommen wurden, findet heute umso mehr eine Rückbesinnung auf die eigene Tradition statt. Das ist keineswegs völkisch oder anachronistisch, sondern – die Letten leben es im positiven Sinne vor – normal und legitim.

 

Entsprechend gehört in Lettland auf Veranstaltungen und Festen aller Art das Tragen feierlicher Trachten stets zum guten Ton. Mit Freude werden alte Lieder gesungen oder Verse rezitiert, ganz gleich, ob es sich um die Senioren oder den Nachwuchs des Landes handelt. Tradition wird in Lettland, generell im Baltikum, dessen drei Staaten sich unter signifikanten historischen Parallelen entwickelt haben, eben noch in vollen Zügen und auf breiter Basis gelebt. Ein hohes gesellschaftliches Gut.

 

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