Lettland

Die Russen in Lettland - Gekommen, um zu bleiben...

Das Verhältnis der Letten zu ihren ehemaligen Besatzern ist im Grunde ambivalent. Während sich deutsche Touristen heute – landauf, landab – vorbehaltlos willkommen heißen dürfen, ist das lettische Russlandbild scheinbar nachhaltig getrübt.

 

Dies liegt zum einen sicherlich daran, dass die kollektive Erinnerung Lettlands an die erst zu Beginn der 1990er Jahre beendete Sowjetära noch frisch ist. Viele Letten, gerade mittleren und älteren Semesters, haben nicht nur während, sondern auch über die rund vier Jahrzehnte lange Phase der russischen Bevormundung hinaus persönlich Schaden genommen. – Ideell, materiell und nicht selten gesundheitlich.

 

Ein anderer, möglicherweise weit wichtigerer Grund lautet: Die Deutschen spielen in der lettischen Bevölkerung spätestens seit Beginn des 2. Weltkrieges keine Rolle mehr. Damals folgten sie mehrheitlich dem Ruf Hitlers, wenige tausend blieben. Nicht zuletzt hierdurch verschwand deutsches Unrecht, in Lettland immerhin vom 13. bis weit ins 19. Jahrhundert vollzogen, zunehmend aus den Köpfen der Einheimischen.

 

Die Russen hingegen sind noch da, und sie stellen – vielen hier ein Dorn im Auge – rund ein Drittel der lettischen Bevölkerung. Der Hauptgrund hierfür: Lettland sollte im Wirtschaftsgefüge der Sowjetunion schwerindustriell tonangebend sein. Russische Fremdarbeiter kamen zu Hunderttausenden ins Land, um Engpässen vorzubeugen. Plattenbauten und sich vielerorts verändernde Bevölkerungsstrukturen gaben dieser Entwicklung vor allem in Riga ein optisch und auch sprachlich unverwechselbares Gesicht.

 

Negative gesellschaftliche Konsequenzen der Siedlungspolitik waren zwangsläufig, traten angesichts der immensen sowjetischen Drohkulisse zunächst jedoch nicht offen zu Tage. Anders die Situation nach dem Zusammenbruch des Systems: Nun offenbarte binnen kürzester Zeit auch das Wirtschaftsgeflecht des Ostblocks seine mangelnde Überlebensfähigkeit und kollabierte.

 

Massenarbeitslosigkeit machte sich breit, und dem Land stand eine bittere Phase der wirtschaftlichen Transformation bevor. Verlierer der Stunde waren in erster Linie die weniger gut gebildeten Industriearbeiter, viele russischer Herkunft. Zudem wehten ihnen nun lange unterdrückte Ressentiments und aufkeimender Nationalismus eisig ins Gesicht. Keineswegs nur ein Phänomen der Wendejahre.

 

Denn unter dem Strich ist es den verbliebenen Russen bis heute nicht gelungen, in der lettischen Gesellschaft richtig Fuß zu fassen. Sicherlich, die alten Seilschaften haben den ein oder anderen wieder weit nach oben gespült, aber der Allgemeinheit bleiben Chancengleichheit oder gar gesellschaftliche Privilegien verwehrt.

 

Ein Volk ohne Lobby: Viele Russen haben keine lettische Staatsbürgerschaft, dürfen nicht wählen gehen, haben de facto kein politisches Gewicht. Auch kulturell gibt es nur wenige Hinweise auf eine rege Partizipation. Eine sich (stolz) in der Öffentlichkeit präsentierende russische Szene beispielsweise gibt es nicht einmal in Riga, obwohl man hier immerhin knapp 40% der Einwohnerschaft stellt.

 

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in den wenig vorzeigbaren Trabantenstädten Rigas noch immer ausnahmslos Russisch gesprochen wird. Wem das nicht genügt, bleibt häufig nur der Weg zurück nach Russland. Eine Option im Übrigen, von der in den vergangenen Jahren immer häufiger Gebrauch gemacht wurde.

 

Tendenz gleich bleibend hoch. Verbliebene hingegen leugnen auf der Suche nach Anerkennung und Chancengleichheit nicht selten die eigene Herkunft. Alles andere als gute Anzeichen für eine rosige Zukunft im Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppen.

 

Suche