Lettland

Die Letten - Traditionsbewusster Blick nach vorne

Obwohl es im Grunde unmöglich ist, eine ganze Nation anhand weniger Stichworte umfassend und vor allem vorurteilsfrei charakterisieren zu können, stößt man auf der Suche nach typisch lettischen Wesensmerkmalen regelmäßig auf Schlüsselbegriffe, die auch kritischen Hinterfragungen durchaus standhalten.

 

Junge Letten
Traditionsbewusst auch junge Letten; bei offiziellen Anlässen werden auch die Farben der Region getragen. Hier junge Leute aus Aluksne.

Beispiel „traditionsbewusst“ und „naturverbunden“: Beiden Begriffen fühlen sich die Letten scheinbar generationenübergreifend sehr verpflichtet. Sie verkörpern zentrale Bestandteile des alltäglichen Lebens. Und das, obwohl sich das Land inzwischen auf die wirtschaftliche Überholspur begeben hat, Wohlstand und auch Luxus für immer mehr Menschen greifbar werden. Ein Widerspruch?

 

Mitnichten. Zum einen ist Lettlands Natur schlichtweg zu schön, als dass man nicht an ihr teilhaben oder gar auf sie verzichten wollte. Es gibt viel Wald, Wasser und – im angenehmen Kontrast zur Metropole Riga und einigen weiteren größeren Städten – viele Landstriche, deren Bevölkerungsdichte gegen Null tendiert.

 

Insofern ist der Besuch bei Verwandten oder Freunden auf dem Land für die Letten stets eine willkommene Gelegenheit des Abschaltens und Wiederauftankens, von der bevorzugt an Wochenenden und Feiertagen Gebrauch gemacht wird. Auch die Fahrt ans Meer ist für viele Letten eine gern genutzte Möglichkeit des bewussten Natur-Erlebens. Man geht schwimmen, wandert und tankt ein wenig frische Luft.

 

Schlittenfahren
Der lettische Winter ist zuweilen familienfreundlich: Mutter und Kind beim Schlittenfahren.

Andererseits gilt „Natur“ in Lettland als Schnittstelle zur eigenen Kultur, was in vielen mittelalterlichen Überlieferungen – teils in Liedern oder in Gedichten – zum Ausdruck kommt. Hier finden sich unzählige Verbindungen zu natürlichen Phänomenen und zu deren übergeordneter Rolle im Leben der Menschen vor der Christianisierung durch den Deutschen Orden (Anfang 13. Jahrhundert).

 

In den folgenden Jahrhunderten hatten die Letten an der Last der Fremdbestimmung schwer zu tragen. Stets hatten im eigenen Land andere das Wort, was das Ausleben der eigenen Identität für die Letten zum Objekt kollektiver Sehnsucht werden ließ. Seit 1991 ist das Volk schließlich frei – endgültig. Doch mit der Freiheit schwappte eben auch eine Welle der traditionellen Rückbesinnung durch das Land, die noch immer Früchte trägt.

 

Spaziergang
Spaziergang auf der Ostsee, Riga.

Gesang, Tanz und weiteres traditionelles Brauchtum sind – wenn auch in den großen Städten des Landes nicht mehr zwingend im Alltag zu beobachten – weiterhin fester Bestandteil des lettischen Lebens. So vor allem an Feiertagen wie beispielsweise der Mittsommernachtswende, die am 23. und 24. Juni jeden Jahres mit viel Freude und Aktivität begangen wird.

 

Es wäre indes gänzlich falsch, das Traditionsbewusstsein der Letten mit Begriffen wie Naivität oder gar Nationalismus – um auch das andere Extrem anzusprechen – in Verbindung zu bringen. Sicherlich, man ist nach Jahrhunderten der Unterdrückung auch ein Stück weit um Abgrenzung und das Hervorheben der eigenen Lebenskultur bemüht, begibt sich damit jedoch nicht in gefährliches Fahrwasser. Angesichts der Historie des Landes eine rundum nachvollziehbare Reaktion.

 

Zahlreiche Letten haben überdies ein sehr feines Gespür für Gerechtigkeit, Anstand und alles, was sich unter der Worthülse „politische Fehlentwicklung“ sammeln lässt. Letzteres war durch den Fortbestand der alten Sowjet-Seilschaften vor allem in den frühen Wendejahren sehr präsent.

 

Gespür für Schnee
Lettisches Gespür für Schnee: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung.

Es wurde gemauschelt, bereichert und betrogen – so die mehrheitliche Annahme – dass es (manchen) eine helle Freude war. Ein offenbar noch immer nicht gänzlich abgeschlossener Prozess, dem die lettische Allgemeinheit mit teils beißender Ironie begegnet. Einige Schwergewichte aus Politik und Wirtschaft jedenfalls sind im Volk nicht gerade gut gelitten, um es vorsichtig auszudrücken.

 

Touristen gegenüber sind die Letten dagegen in der Regel (sehr) freundlich, wenn auch etwas zurückhaltend; so zumindest der Eindruck in den ländlichen Teilen des Landes. In Riga herrscht dagegen große Aufgeschlossenheit. Man kommt schnell ins Gespräch, vor allem junge Menschen. Außerdem trägt das hohe Besuchsaufkommen deutlich zur Internationalisierung der Metropole bei. Ein von den Bürgern im Grunde sehr begrüßter Effekt.

 

Weniger willkommen sind da schon trinkwillige Horden, die vornehmlich aus England nach Riga reisen, um der eigenen Kultur quasi freien Lauf zu lassen. Verbieten kann man es ihnen sicherlich nur in begrenztem Maße. Mit lettischer Hochachtung jedoch brauchen diese und andere Invasoren der neuesten Generation nicht zu rechnen.

 

 

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