Lettland

Die Deutschen in Lettland - Eine Minderheit mit großen Spuren

Der geringe Anteil deutschstämmiger Bürger an der lettischen Gesamtbevölkerung gleicht einem gesellschaftlichen Widerspruch. Denn obwohl sie heute mit rund 5.000 Einwohnern gerade einmal 0,2% des insgesamt mehr als 2,3 Millionen Menschen umfassenden Volkes stellen, ist die deutsche Kultur im lettischen Alltag stets präsent, gebietsweise allgegenwärtig geblieben.

 

Zahlreiche Lehnwörter mit unzweifelhaft deutscher Herkunft haben in der lettischen Sprache tiefe Spuren hinterlassen (z. B. Stunde = stundas; Post = pasts; Forelle = forele). Auch Umgangsformen, Lebensart und Küche – vor allem innerhalb der lettischen Stadtbevölkerung – offenbaren bis heute Merkmale, die vielen Deutschen als geläufig oder zumindest erinnerbar erscheinen.

 

Der Grund hierfür ist bekanntermaßen geschichtlicher Natur. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts besetzte der Deutsche Orden weite Teile des heutigen Baltikums und begründete auch in Lettland eine viele Generationen umfassende Herrschaftskultur. Deutsche Adlige, Kleriker und Kaufleute bestimmten von nun an maßgeblich die Geschicke des Landes, mit zwangsläufig negativen Folgen für die Ur-Letten.

 

Obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung zu keiner Zeit über 10% stieg, hielt eine später auch als Baltendeutsche bezeichnete Volksminorität sämtliche Schlüsselpositionen in Händen. Sie kontrollierten traditionell den Handel, stellten Großgrundbesitzer und hatten als einzige Schicht in Lettland Zugang zu Wissenschaft und Bildung. Soweit die Eckpunkte ihrer bis heute weit verbreiteten Lebenskultur.

 

Mit dem nationalen Erwachen verschlechterten sich die Herrschaftsbedingungen der deutschen Obrigkeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts zusehends. In der Folge entstand in Lettland ein immer größerer Drang nach eigener Kultur und Identität. – Über eine erste Welle der geistigen Auflehnung gegen die Fremdbestimmung geriet das Ende der deutschen Vormachtstellung in Sichtweite.

 

Der deutsche Exodus hin zum eingangs angesprochenen, sehr geringen Anteil an der lettischen Gesamtbevölkerung fand indes in zwei großen Etappen statt. Teil eins hängt unmittelbar mit der 1918 vollzogenen Unabhängigkeit des Landes zusammen.

 

Eine nachfolgende (1920) umgesetzte Bodenreform beschnitt den Landbesitz der deutschen Großgrundbesitzer empfindlich, so dass sich viele ihrer Existenzgrundlage für ein privilegiertes Leben beraubt sahen und entweder in die aufstrebenden Städte umsiedelten oder das Land gleich ganz verließen.

 

Bevölkerungsstatistisch bedeutsamer war hingegen die zweite Emigrationswelle zu Beginn des 2. Weltkrieges. Hitler hatte alle Deutschen aus den umliegenden Staaten im Osten Europas „Heim ins Reich!“ beordert, rund 50.000 folgten in Lettland seinem Ruf. Bei Kriegsende und der sich abzeichnenden Vorherrschaft des Sowjetregimes folgten schließlich weitere 10.000.

 

Seither, auch über die 2. Unabhängigkeit Lettlands zu Beginn der 90er Jahre hinaus, stagniert der deutsche Anteil an der lettischen Gesamtbevölkerung auf niedrigem Niveau. Geblieben sind hingegen die kulturellen Einflüsse der Vergangenheit, mit denen man im freien Lettland des 21. Jahrhunderts recht gut umzugehen weiß.

 

Das Deutschlandbild der lettischen Bevölkerung jedenfalls ist in weiten Teilen neutral bis freundlich. Spürbare Ressentiments gegenüber deutschen Touristen haben in der lettischen Denkweise keine nachhaltige Verankerung gefunden.

 

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